Der Mensch bindet sich und wird gebunden. Wir sind allesamt soziale Wesen mit vielen Bedürfnissen, die in uns hinein gelegt sind. Auf der Suche nach dem Stillen unserer Bedürfnisse binden wir uns. Das Gebundensein kann hilfreich sein oder auch das Leben belasten. Beim Letzteren denken wir zwangsläufig an das Gebundensein in Süchten unterschiedlicher Art, an belastete Beziehungen, an Gedankenspiralen, die uns emotional herunterziehen und einiges mehr.

Wir wissen, dass es auch ein hilfreiches Gebundensein gibt. Eine Bindung, die uns Sicherheit gibt. Sie beginnt bereits im Mutterleib. Aus dem Bereich der Forschung erreichen uns Erkenntnisse, dass die emotionale Lage der werdenden Mütter das ungeborene Leben beeinflusst. Folgerichtig ist es erstrebenswert, dass die schwangere Frau für ihr eigenes Wohlbefinden sorgt. Damit erweist sie auch dem Ungeborenen einen guten Dienst.

Nach der Geburt beginnt das erste so wichtige Jahr des Lebens. Die Art der Bindung, die hier zwischen Kind und der ersten Bezugsperson (meistens ist es die Mutter) entsteht, beeinflusst das ganze Leben des Menschen – so der aktuelle Forschungsstand. Wer hier eine sichere Bindung erlebt, hat eine wichtige Grundlage für die Herausforderungen des Lebens mit auf den Weg bekommen.

Das Kind selbst hat keinen Einfluss darauf, ob es eine sichere Bindung erhält. Es hängt alles von der erwachsenen Bezugsperson ab. In den meisten Fällen ist es die Mutter. Ihr Verhalten gegenüber dem neugeborenen Kind hat eine große Bedeutung. Allen werdenden Müttern, bei denen dieser Satz Angst vor einer so großen Verantwortung auslöst, sei gesagt, dass sie allen Grund haben, zuversichtlich zu sein. Um einem neugeborenen Kind eine sichere Bindung zu geben, braucht es kein psychologisches Studium. Die Mutter darf ihren natürlichen Impulsen vertrauen. Wenn das Kind weint, wird sie es auf den Arm nehmen, wenn es Hunger hat, wird sie es stillen. Da das Kind noch nicht sprechen kann, wird es stets weinen, wenn etwas fehlt und die Mutter wird den natürlichen Impuls haben, die Bedürfnisse des Kindes zu stillen. Die ständige Anwesenheit der Mutter und die unmittelbare Reaktion auf das Kind, gibt diesem Sicherheit. Es macht die wertvolle Erfahrung, dass es nicht allein ist.

Interessant ist, dass wir auch als erwachsene Menschen von diesem Sicherheitsgefühl leben. Wir leiden darunter, wenn wir es nicht haben. Ist es nicht da, fühlen wir uns verlassen.

Der Prophet Jesaja beschreibt es aufschlussreich. Da geht es dem Volk Israel nicht gut und es drückt ein kollektives Gefühl aus (Jesaja 49,14ff.): Verlassen hat mich der Herr, der Herr hat mich vergessen.

Gott antwortet: Vergisst etwa eine Frau ihren Säugling, dass sie sich nicht erbarmt über den Sohn ihres Leibes? Sollten selbst diese vergessen, ich werde dich niemals vergessen. Siehe, in meine beiden Handflächen habe ich dich eingezeichnet.

Ja – es passiert, dass Mütter und Väter für die neugeborenen Kinder nicht da sind und sie verlassen. Es gibt dramatische Lebensumstände, die solche Geschichten schreiben. Diese Kinder starten ins Leben mit einer schweren Hypothek.

Das Volk Israel hat dieses Gefühl in Bezug auf Gott, und es klagt Gott an. Im Unterschied zu Säuglingen, die sich nicht äußern können, geht es hier um erwachsene Menschen, die das Gefühl des Verlassenseins haben.

Gott antwortet auf diese Klage mit einer Zusicherung. Von ihm kommt der Mutter-Kind-Vergleich. Es ist zunächst undenkbar, dass eine Mutter ihr Kind verlässt. Und doch – es passiert. Gott sichert zu, dass es bei ihm nicht passieren kann und nicht passieren wird. Niemals wird er den Menschen, den er geschaffen hat, verlassen.

Ein neugeborenes Kind ist der Mutter ausgeliefert. Es hat keinen Einfluss darauf, ob die Mutter ihm eine sichere Bindung mit auf den Weg gibt oder nicht. So geht es uns auch mit Gott. Wir haben keinen Einfluss darauf, ob er uns sicher an sich bindet. Dieser Bindungsprozess befindet sich außerhalb unserer Möglichkeiten.

Gott verlangt uns ab, dass wir ihm dieses Versprechen glauben, ihm vertrauen. Auch dann, wenn es sich anders anfühlt. Mittlerweile wissen wir, dass wir im Leben nicht vor schwierigen Situationen bewahrt bleiben. Wir machen sie alle durch, in sehr unterschiedlicher Stärke und Weise, aber alle Menschen sind davon im Laufe des Lebens betroffen.

Mit Gott an unserer Seite dürfen wir uns dem Leben stellen. Nicht voller Angst vor den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft, sondern voller Zuversicht, weil er da ist.

„Siehe, in meine beiden Handflächen habe ich dich eingezeichnet“. Meine Vorstellungskraft kommt an ihre Grenzen bei den vielen Milliarden von Menschen, die in den Handflächen Gottes Platz finden. Dennoch: Ich mag dieses Bild. Wir alle sind dort abgebildet. Nebeneinander, untereinander, aufeinander. Ein Gedanke entspring mir: Jeder Mensch dieser Welt könnte in Gottes Händen gleich neben mir abgebildet sein. In Gottes Händen könnten wir Nachbarn sein. Ein Grund mehr, mit allen Menschen den Frieden zu suchen.

Ich wünsche uns allen das Vertrauen in Gottes Versprechen, dass er da ist und uns sieht. Jeden Einzelnen. Du und ich – wir sind bei ihm sicher gebunden.

Hans Esau

Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert?

Römer 8,35

Der Apostel Paulus formuliert in diesem Satz zwei Fragen. Eine Antwort gibt er jedoch nicht. Wer die Bibelstelle kennt, weiß, dass die Antwort im Kontext des Verses gegeben wird. Die Fragen haben es allerdings in sich! Deswegen lohnt es sich, dass wir zunächst die Spannung aushalten, bevor wir uns die Antwort sagen lassen.

Es sind Fragen, in denen sich ein existentielles Ringen ausspricht. Das Ringen um die Gewissheit, ob Gott in notvollen und entbehrungsreichen Lebenssituationen noch unverbrüchlich an unserer Seite steht. Sind wir noch in seiner Hand? Oder erweisen sich die biblischen Zusagen der Treue Gottes nicht doch als warme fromme Worte? Das sind sehr ernste Fragen, und nicht Wenige stellen sie sich.

Ich denke zum Beispiel an Menschen in der Ukraine, die zwischen zerbombten Häusern am eigenen Leib eine unselige Mischung von alldem erleben, was Paulus beschreibt: die Kälte des Winters; Schikane durch marodierende russische Soldaten; die ständige Gefahr, dass die Bombardierung wieder losgehen kann.

Ich denke an Menschen, die angesichts seelischer Bedrängnis nicht ein und aus wissen; an solche, die unter bedrohlichen Krankheiten leiden; an Christen, die in ihrer Heimat um ihr Leben fürchten müssen, wenn sie offen ihren Glauben bekennen. Sind diese Erfahrungen vielleicht doch stärker als Gott?

In solchen Situation genügt es nicht, einfach nur „Nein, sind sie nicht“ zu sagen. Es braucht schon ein bisschen mehr, um Zuversicht zu gewinnen.

Lassen wir uns die Antwort, die Paulus gibt, neu zusprechen: Gott ist für uns (V. 31). Er ist so für uns, dass er alles für uns gibt. Nämlich einen Teil von sich! Seinen Sohn Jesus Christus. Er geht für uns in die tiefste Not des Leidens, um dort ein göttliches Netz zu spannen, das uns auffängt, um eine unsichtbare Verbindung zwischen ihm und uns herzustellen, die stabiler ist als alle Anfechtungen und Zumutungen dieser Welt.

Dieser Weg Jesu ist Ausdruck einer Liebe, die sich voll und ganz hingibt. Er ist das Siegel, dass Gott endgültig und unverbrüchlich zu uns steht. Von nun an hat er einen letzten Anspruch auf unser Leben und sonst keine Macht der Welt. Nichts Geschaffenes ist stärker als der Schöpfer, die tragende Kraft, die uns unserem Ziel entgegen führt.

Auf diesem Hintergrund erklingt am Ende des Kapitel eine ergreifende Gewissheit, von der wir uns in diesem neuen Monat tragen lassen können:

„Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

Prof. Dr. Oliver Pilnei

Sara aber sagte:
Gott ließ mich lachen.

1. Mose 21,6

An Fasching und Karneval wird viel gelacht. Es ist lustig, sich zu verkleiden und mal ganz anders zu sein, als es der strenge Alltag erfordert. Es ist schön, in andere Rollen zu schlüpfen, und es tut gut, herzhaft über alles Mögliche zu lachen. Ja, dass wir lachen, ist wichtig für unsere körperliche und seelische Gesundheit. Aber noch wunderbarer ist unser Lachen, wenn wir etwas Befreiendes erlebt haben. Das ist das Lachen Saras nach der Geburt ihres Sohnes Isaak.
Endlich konnte Sara befreit auflachen. Die unglaubliche Verheißung, dass sie in ihrem hohen Alter noch einen Sohn gebärt, hat sich erfüllt. Und alle sind gesund: Der Sohn Isaak wird die Verheißung Gottes weitertragen in die Zukunft. Das ist ein ganz anderes Lachen als das verzweifelte und zynische Lachen ein Jahr vorher, als ihr zugesagt wurde, dass sie einen Sohn haben wird (Gen 18,12); ähnlich das verzagte Lachen Abrahams, als er die Verheißung des Sohnes aufnimmt (Gen 17,17). Es gelingt ihnen nicht, die Verheißung Gottes mit ihrer tragischen Lebenssituation zusammenzubringen: Sie sind alt und kinderlos und haben von daher keine Zukunft. Sie versuchen es noch mit ihrer Magd Hagar, die für Abraham ein Kind zur Welt bringt. Wenn man Gottes Verheißung ein wenig nachhilft, dann klappt es vielleicht. Aber das war es nicht, was Gott wollte. Schließlich bekommt Sara selbst ihren Sohn und nennt ihn „Isaak“: „er lacht“, weil sie nach seiner Geburt so befreit lachen kann.
Es gibt viele Arten des Lachens. Doch das befreite Lachen ist Gottes Lieblingslachen, das eben nicht auf Kosten anderer Menschen oder unserer selbst geht, sondern einfach die Freiheit und das Leben feiert. Letztlich wird sich Gottes Verheißung bewahrheiten. Seine Liebe und sein Frieden werden sich durchsetzen. Jetzt müssen wir noch Geduld haben, Gottes Evangelium hören und aufnehmen. Jetzt hinken unsere Erfahrungen noch der Verheißung hinterher; aber die Zeit kommt, da Gott alles erfüllt, das Dunkle verschwinden muss und alles nur noch Freude ist und Lachen. So schön, wenn dieses Lachen schon jetzt immer wieder mal in unserem Leben durchbricht.

Michael Kißkalt
von der Theologischen Hochschule Elstal

Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut.

Genesis 1,31

Wir stehen am Anfang eines neuen Jahres – das Jahr 2023. Vor uns liegen noch unbeschriebene Monate, hinter uns das Neujahrsfest. Vielleicht auch dieses Jahr mit neuen Vorsätzen und neuen Hoffnungen: Wird jetzt alles besser?

„Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut.“ Sehr gut?! In den Nachrichten über die Ereignisse in unserer Welt sehe ich oftmals etwas anderes. Da möchte ich manchmal schreien oder auch weinen aus Verzweiflung und Hilfslosigkeit. Und auch in meinem kleinen Alltag spüre ich Chaos, Ängste oder auch körperliche und seelische Schmerzen. Ist alles so, wie es ist „sehr gut“? Das bezweifle ich! Aber ich bin dankbar, trotz der vielen erschütternden Ereignisse dennoch Freude und Liebe erleben zu dürfen – diese kleinen und großen Lichtblicke, diese „sehr guten Momente“.

Der Schöpfungsbericht in Genesis 1 erzählt davon, wie Gott aus dem lebensfeindlichen Chaos, dem anfänglichen „Tohuwabohu“, ein geordnetes Ganzes erschafft. Seine Freude und Liebe an seiner Schöpfung wird dabei besonders deutlich: Nach jedem Schöpfungstag schaut er sich sein Werk an und bezeichnet es als gut.

In Genesis 1,31 schaut er sich seine Schöpfung im Gesamten an – er sieht sie und betitelt sie als „sehr gut“. Er schafft Himmel und Meer, Tag und Nacht, Pflanzen und Tiere und den Menschen, als sein Ebenbild. Und er sieht jeden einzelnen Aspekt seiner Schöpfung und nennt es sehr gut.

Gesundes Wachstum geschieht, wenn wir Dinge mit Liebe ansehen und behandeln. In der Schöpfung gibt Gott uns seinen Zuspruch und seine Annahme. Er hat uns aus Liebe erschaffen, er kennt uns und er sieht uns. Auch wenn die Situation heute nicht diesen „sehr guten Zustand“ in der Schöpfungsgeschichte widerspiegelt und so viele Fragen offen bleiben, so kann uns dieser Vers als Erinnerung dienen: Gott ist immer noch unser Schöpfer! Er sieht uns mit Liebe an, bei ihm sind wir angenommen!

Und vielleicht können auch wir dadurch unseren Blick wenden und uns auf die Liebe und das Gute in der Welt und in unserem Leben ausrichten. Vielleicht können die Menschen und die Umwelt, die uns anvertraut sind, sich auch unter unserem liebenden Blick gesund entfalten. Vielleicht dürfen wir die Momente, in denen wir die Schönheit und Liebe Gottes zu seiner Schöpfung spüren, noch bewusster wahrnehmen und benennen: Siehe, es war sehr gut!

Natürlich geht es nicht darum, so zu tun, als würde es das Leid und die Ungerechtigkeit nicht geben. Wir dürfen in unserer Ganzheit vor Gott kommen, auch mit dem, was weh tut. Wir dürfen klagen. Ich glaube, dass auch Gottes Herz über die Missstände dieser Welt, seiner Schöpfung, zerbricht. Vielleicht kann uns aber die Erinnerung und Zurückbesinnung auf diesen Ursprung, dem „sehr gut“ in der Schöpfungsgeschichte, neu Kraft und Sicherheit geben: Wir wurden in Liebe angesehen und dürfen so andere in Liebe ansehen. Lasst uns in diesem Sinne das Gute sehen und benennen und es auf diese Weise wachsen lassen.

Dana Sophie Jansen

(Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Theolog. Hochschule Elstal)

Das Kind in ihrem Bauch bewegte sich plötzlich. Sie spürte das Leben in sich, eigenständiges Leben. Das berührte sie so sanft, so intim und stand in solch einem Kontrast zu ihren Gefühlen, dass sie in Tränen ausbrach. Sie spürte Rührung und fast so etwas wie Ehrfurcht vor dem, was da in ihr heranwuchs. Sie spürte Wut auf ihr eigenes Leben, auf alle Menschen um sie herum. Sie spürte Zorn über die Ungerechtigkeit, die ihr widerfahren war. Sie spürte Scham, weil sie noch vor kurzem so entschlossen ihr Leben in die eigenen Hände nahm und jetzt nicht wirklich wusste, wie sie weitermachen sollte. Und sie spürte Schuld – gegenüber diesem Kind in ihr, das gar nicht ihr Kind sein sollte und von dem sie nicht wusste, ob sie es lieben oder hassen sollte. All diese Gefühle gingen ununterscheidbar ineinander über, bauten sich zu einer Flutwelle auf und brachen schließlich den Staudamm in ihr, den sie lange Jahre gebaut und sorgsam gepflegt hatte.

Sie wischte sich die Tränen aus den Augen, aber es kamen so viele, dass sie den Schleier nicht wegwischen konnte. Nur sehr unscharf nahm sie ihre Umgebung wahr. Da hörte sie einen Namen. Der Name kam ihr irgendwie vertraut vor und klang doch irgendwie fremd. Es dauerte endlose Augenblicke, bis sie realisierte, dass es ihr Name war. Wie lange hatte sie den nicht mehr gehört? Wer hatte ihn zuletzt ausgesprochen? Ihre Mutter bei der Verabschiedung, als sie an fremde Leute verkauft wurde? Hatte ihre Herrin sie irgendwann mal bei ihrem Namen genannt? Oder kannte sie ihn gar nicht?

„Hagar“ – gab es hier, an diesem einsamen Ort, einer der wenigen Wasserquellen auf dem weiten Weg durch die Negev-Wüste nach Ägypten, noch jemanden, der so hieß wie sie? Sie schaute sich durch ihren Tränenschleier um und sah die verschwommenen Umrisse eines Menschen, der anscheinend sein Gesicht ihr zugewandt hatte. Meint er mich? – fragte sie sich überrascht. „Hagar, Sarais Magd …“ Sie war ganz perplex. An diesem einsamen Ort, einer Zwischenstation ihrer Flucht, gab es jemanden, der nicht nur ihren Namen kannte, sondern auch sie selbst. „… wo kommst du her und wo willst du hin?“ Es dauerte, bis sie die Frage verstand. Das hatte sie auch noch niemand gefragt. Überhaupt hatte ihr noch nie jemand in ihrem Leben Fragen gestellt.

Sie wurde nicht gefragt, ob sie ihre Familie verlassen wollte, damals in Ägypten. Sie musste als Sklavin arbeiten, weil ihre ganze Familie schon immer eine Familie von Sklaven war. Sie wurde nicht gefragt, als sie weiterverkauft wurde – an einen Fremden, der sich nur kurz in Ägypten aufhielt und sie als Geschenk für seine Frau erwarb.

Sie wurde nicht gefragt, ob sie einverstanden war, als ihre Herrin auf den Gedanken kam, sie als Leihmutter zu benutzen. Sie wurde auch von Abraham, dem Mann ihrer Herrin, nicht gefragt, ob sie seine Zweitfrau werden wollte. Sie wurde nicht gefragt, wie sie sich in dieser seltsamen Dreiecksgeschichte fühlte – einerseits mit einem reichen Mann verheiratet zu sein und gleichzeitig weiter Sklavin seiner ersten Frau bleiben zu müssen.

„Wo kommst du her?“ – Selbst sie hat sich diese Frage nie in dieser Deutlichkeit gestellt. Es war eine gute Frage. Und so fing sie an zu erzählen. Sie vergaß ihre Hemmungen, sie vergaß das Unbehagen, dass sie den Menschen ja nicht wirklich kannte, der ihr diese Fragen stellte. Es war jemand da, der sich für sie interessierte und der zuhörte.

Und so erzählte sie ihre Geschichte, wie sie eingezwängt war in ein fremdes Leben. Sie erzählte von ihren Herren, Abraham und Sarai, die reich, aber verzweifelt kinderlos waren und alles für ein Kind machen würden. Sie erzählte davon, wie sie selbst für diesen Kinderwunsch benutzt wurde. Sie erzählte von ihren widersprüchlichen Gefühlen ihrem Kind gegenüber. Sie erzählte von der Hoffnung, die sie am Anfang ihrer Schwangerschaft hatte, dass sie durch das Kind mehr Würdigung und Achtung bekommen würde. Sie erzählte von der Enttäuschung über ihre Herrin Sarai, die zunehmend neidisch wurde und sie immer mehr demütigte. Sie erzählte von der Enttäuschung über Abraham, der sich für nicht zuständig erklärte und die ganze Verantwortung von sich wies. Sie erzählte von ihrer Überforderung, von ihrem Ausbruch und ihrer Flucht.

Als sie sich alles von der Seele geredet hatte, kam ihr langsam der zweite Teil der Frage ins Bewusstsein. „Wo willst du hin?“ – Sie musste sich eingestehen, dass sie es nicht wirklich wusste. Erstmal wollte sie nur weg. Aber wohin sollte sie sich nun wenden? Wo führte sie der Weg hin, den sie eingeschlagen hatte? Zurück nach Ägypten? Dort wartete keiner auf sie! Was sollte sie dort machen? Sich selbst wieder an jemanden verkaufen? Vielleicht an einen der Händler, die hier an der Oase vorbeikommen? Sie hatte sich darüber keine Gedanken gemacht und jetzt, wo sie gefragt wurde, stellte sie fest, dass sie keine guten Perspektiven kannte. Was sollte sie machen?

Der Mensch, mit dem sie redete, der sie kannte – sie war noch nie zuvor einem solchen Menschen begegne – das musste ein Engel Gottes sein! Vielleicht konnte er helfen? Und er konnte! Er erzählte ihr von Gottes Plänen mit ihr: Sie würde eine echte Mutter werden von ihrem eigenen Sohn und nicht nur eine Leihmutter. Er legte ihr nahe, wieder zurückzugehen zu Abraham und Sarai. Er schickte sie zwar zurück in ihr altes Leben aber es würde nicht alles beim Alten bleiben. Sie spürte, sie würde nicht als die frühere namenlose Magd, sondern als eigene Person, als Hagar, die Gott getroffen hat, zurückgehen. Sie würde nie mehr die Unbeachtete, Ungesehene sein, sondern die von Gott Angeschaute.

Hier, an dieser Oase, hatte der Engel Gottes sie auf ihrer ziellosen Flucht gefunden und ihr Leben verändert. „Du bist El Roï, der Gott, der mich anschaut“ – sagte sie und ging zurück. Zurück in eine immer noch verworrene Situation mit immer noch sehr komplizierten Beziehungen, von der sie immer noch nicht wusste, wie sie sie meistern würde. Sie wusste nur, dass Gott sie nicht aus den Augen lassen würde und dass sie eine eigene Zukunft haben würde.

Heinrich Esau

Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie.

Jesaja 11,6

Morgens stehen sie auf, machen sich vielleicht einen Kaffee, stellen das Radio an und können es nicht fassen. Über Nacht ist Krieg ausgebrochen! Sie sind völlig überrumpelt. Über Nacht sind Menschen, die auch nicht viel anders sind und leben und denken und reden als man selbst, zu tödlichen Feinden geworden. Die Eltern wecken die Kinder, holen sie zum Frühstückstisch. Sie erklären den Kleinen, dass sie sich von nun an vor den Leuten fürchten müssen, die über Nacht Feinde geworden sind. „Aber bei denen sind doch auch Kinder, warum sollen die plötzlich gefährlich sein?“, wundert sich der kleine Junge. Er wird es schnell begreifen. Nach wenigen Tagen wird er gelernt haben, Angst zu haben. Und je älter und vernünftiger die Kinder sind, desto mächtiger wird sich bei ihnen die Angst zu einem zähen Hass gegen die Feinde verdichten. Dass Menschen über Nacht von Frieden auf Krieg umschalten können, vor allem diejenigen, die vernünftig sind und Verantwortung tragen, ist furchtbare Wirklichkeit. Die Logik der Gewalt, der Angst und des Hasses, in die ein Kriegsausbruch die Menschen zwingt, ist eine unheimliche Realität.

Die Vision vom Friedensreich im elften Kapitel des Jesajabuches ist einer der traditionellen Predigttexte zum Weihnachtsfest, an dem die Christen Jesus als den von Jesaja verheißenen Friedensfürsten bekennen. Der Prophet verkündete in Kriegszeiten eine Vision vom Ausbruch des Friedens. „Welch eine Träumerei, in Kriegszeiten Friedensmärchen zu predigen“, denken vernünftige Erwachsene – vor allem die, die Verantwortung tragen, wenn sie die Worte des Propheten lesen: Der Wolf, also der Aggressor, beantragt beim Lamm, also dem Angegriffenen, Asyl. (So steht es im Hebräischen Text: Der Wolf wird sich beim Lamm als „Beisasse“ oder „Proselyt“ niederlassen, also er wird gewissermaßen zum „Lammsein“ übertreten oder konvertieren.) Der Löwe wird grasfressender Vegetarier und wartet morgens bei den Kälbern, damit man ihn auf die Weide führt. Und zwei Verse weiter: Giftschlangen werden zu niedlichen Kuscheltieren. Die Erwachsenen können den Ausbruch des Friedens noch gar nicht fassen; sie wissen ja, wie gefährlich diese Tiere sind. Leidvolle Erfahrung verbietet es ihnen geradezu, den Frieden zu ergreifen. Es sind die Kinder in ihrer ahnungslosen Furchtlosigkeit, die als erste etwas mit dem Frieden anfangen können. Ein kleiner Junge nimmt ein Stöckchen und führt als kleiner Hirte Rind und Raubtier aus dem Dorf auf die Weide. Ein Säugling grabscht mit seinen Händchen nach der Schlange, und es ist Frieden.

Sind wir bereit für den Ausbruch des Friedens? Beim Lesen der Bildrede des Propheten bleiben meine Gedanken an der Erwähnung der Kinder hängen. Im Erdgeschoss des Hauses, in dem ich wohne, ist ein internationaler Kindergarten. Kleine Franzosen und Algerier, kleine Belgier und Kinder aus dem Kongo, drei- und vierjährige Russen und Deutsche buddeln gemeinsam in der Sandkiste und wuseln über den Hof. Von den Kriegen, die ihre Urgroßväter einst gegeneinander geführt haben, von dem Leid und Unrecht, das die einen den anderen angetan haben, wissen sie nichts. Wenn ich die Kinder sehe, muss ich an das Wort unseres Herrn denken, dass wir umkehren und von den Kindern lernen sollen (Mt 18,3). Kein Mensch ist dazu geboren, eines anderen Menschen Feind zu sein!

Martin Rothkegel

(Theologische Hochschule Elstal)

Zugegeben – ich warte nicht gerne. Daher versuche ich, meine Mitmenschen nicht warten zu lassen. Unpünktlichkeit ärgert mich oft, andererseits verblüfft es mich, wenn Menschen mit dem Warten keine Schwierigkeiten haben, sondern entspannt bleiben können. Mich macht warten ungeduldig, es macht mich unruhig, weil ich glaube, Zeit zu verlieren.

Die letzten Jahre haben unsere Fähigkeit zum Warten herausgefordert. Wir waren schon so daran gewöhnt, die meisten Dinge des Lebens in sehr kurzer Zeit zu bekommen. Sogar Onlinekäufe wurden zeitweise am nächsten Tag geliefert. Auch wenn das heute bei einigen Produkten noch möglich ist, stellen wir fest – die Lieferketten sind verändert – andere sagen gestört – und normale Güter sind nicht mehr sofort verfügbar. Wir Verwöhnten müssen warten lernen.

Dabei muss Warten nicht zwangsläufig negativ gedeutet werden. Gott – so scheint es mir – möchte uns hier etwas zumuten. Der letzte Monat im Jahr erinnert uns durch die immer wiederkehrende Adventszeit, dass das Warten zum Leben gehört. In diesem Fall hat es nichts mit materiellen Gütern zu tun. Hier geht es um mehr, um viel mehr!

Deutlich wird das in der folgenden biblischen Begebenheit, nachzulesen in Evangelium nach Lukas, 7,18f.: „Und Johannes rief zwei seiner Jünger zu sich und sandte sie zum Herrn und ließ ihm sagen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?“

Das Volk Israel wartete seit langer Zeit auf ihren Retter, ihren Heiland. Er wurde ihnen in der hebräischen Bibel vorhergesagt und versprochen. Wie sollten sie ihn erkennen? Wann würde er kommen? Was konnten sie von ihm erwarten? Seit Jahrhunderten waren sie mit diesen Fragen konfrontiert. Eine Generation gab den fragenden, wartenden Zustand an die nächste weiter. Welche Generation würde es treffen? Wer würde den Retter Israels erleben dürfen? Die biblischen Vorhersagen reichten nicht aus, um alle Fragen zu beantworten. Und so warteten die Menschen auf ihren Retter und warteten. Als er dann kam, erkannten sie ihn nicht, weil er ganz anders war als sie es sich vorstellten. So reagierten viele Menschen auf Jesus mit Ärger und Ablehnung und Verleugnung. Sie taten das, was wir Menschen gelegentlich so machen, wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt werden. Das Warten hat oft mit „Erwarten“ zu tun. Wir machen uns ein Bild davon, was auf uns zukommt. Wenn es dann anders kommt, sind wir enttäuscht.

Jesus kam und war dann doch ganz anders als es sich die Menschen gedacht hatten.

Wir lernen jedes Jahr aufs Neue, dass wir auf Unerwartetes stoßen. Jedes Jahr bringt Erfahrungen mit sich, die nicht zu erwarten waren. Schweres wie Gutes. Persönliche Schicksale erleben wir genauso unerwartet wie schöne Überraschungen, mit denen wir nicht gerechnet haben.

Letzteres ist leichter zu verdauen. Das Schwere hätten wir so gerne nicht erlebt. Meine Frau erzählte mir kürzlich, sie habe die Weihnachtsdekoration aus dem letzten Jahr nicht ganz weggeräumt. Eine Engelsfigur hat sie stehen lassen, um sich täglich zu erinnern, dass Gott da ist – auch wenn wir Schweres erleben. Wir blickten gemeinsam auf das Jahr zurück und stellten fest, dass wir den Gedanken, dass Gott da ist, sehr nötig hatten, wie viele Menschen um uns herum auch. Wir zählten die schweren Dinge dieses Jahres für uns auf und merkten, dass wir nicht lange überlegen mussten, um uns an sie zu erinnern. So geht es vielen Lesern dieses Textes vermutlich auch.

Zurück zur biblischen Geschichte. Die Jünger des Johannes führen ihren Auftrag aus und konfrontieren Jesus mit der Frage, ob er der sei, der da kommen sollte. Jesus antwortet: „Geht und verkündet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird das Evangelium gepredigt. (Lukas 7,22f.)

Jesus ist der, auf den das Volk Israel gewartet hat. Er war anders, als sie es erwartet hatten, aber er war der Retter, der dem Volk Israel versprochen wurde.

Wir warten heute anders. Wir warten symbolisch und dennoch ist es ein Warten. Worauf eigentlich?

Im Deutschen gibt es das Wort „harren“. Ich mag es ganz gerne. Dieses Wort gibt dem Warten eine Note der Sehnsucht. Wir warten nicht neutral auf eine Banalität, sondern haben dabei eine innere Erwartung.

2000 Jahre nach Jesu Geburt wissen wir aus den Evangelien von den damaligen geschichtlichen Ereignissen. Hier ändert sich nichts. Anders ist es in unserem Leben. Mit Blick auf Jesus kann unser Warten mit Inhalt gefüllt werden.

Inhalt ist es bei dir? Was brauchst du? Worin hast du Mangel? Worüber freust du dich? Wo hast du Überfluss? Was erwartest du?

Ich wünsche uns ein heilsames Warten, ein Harren der Gaben, die Gott uns zu schenken vermag. Was auch immer es sein mag, was wir von oben bekommen – es wird immer etwas sein, was uns mehr Frieden bringen soll und mehr Zuversicht und was die Hoffnung nicht versiegen lässt. Also harren wir gemeinsam der guten Dinge, die uns von oben voller Güte erreichen. Gott segne uns alle!

Hans Esau

Morgens, unterwegs zur Arbeit. Ich sitze im Auto. Der Kopf voller Gedanken. Pläne und Aufgaben. Manche sind schön, auf die freue ich mich. Die notwendigen, lästigen, unangenehmen beschäftigen mich mehr. Plötzlich blendet mich ein Lichtblitz im Rückspiegel. Nein – es ist nicht das Auto hinter mir. Es ist die aufgehende Morgensonne. Ihre Strahlen haben sich durch mein Grübeln gekämpft und mich aus meiner Gedankenwelt wachgeküsst. Wie ein Augenzwinkern des Schöpfers am Anfang des Tages, das mir sagt: Hier bin ich! Lächle doch mal! Und dieser kurze Augenblick verändert meinen ganzen Tag. Der Tag ist voller Licht!

Spät abends, unterwegs nach Hause vom letzten Termin. Der Kopf voller Eindrücke des Tages und im Blick nur der Bürgersteig. Habe ich alles erledigt, was ich vorhatte? Was ist mir gelungen? Was nicht? Die vielen Stunden am PC und in den Meetings machen sich bemerkbar. Mein Nacken ist steif. Ich dehne ihn, hebe den Kopf und sehe jetzt erst die Sterne am Himmel. In einem kurzen Augenblick bin ich herausgerissen aus meiner engen Welt und bekomme eine leise Ahnung von der unglaublichen Weite, die sich mir auftut. Der Rückblick auf den Tag verändert sich. Ich bin zwar immer noch müde, aber dennoch erfrischt. Die Nacht ist voller Sterne.

Ein sonniger Nachmittag, ich fahre mit dem Rad durch den Wald. Meine Aufmerksamkeit gehört abwechselnd dem Teil des Weges bis zur nächsten Kurve und dem Fahrradcomputer am Lenkrad. Wie schnell bin ich im Vergleich zur letzten Fahrt? Was macht meine Herzfrequenz? Wie lange zieht sich der Anstieg wohl noch hin? Ich höre nur noch meinen eigenen Puls und den schweren Atem. Dann knackt irgendwo ein Ast. Außer mir ist auf dem Waldweg keiner zu sehen. Muss wohl irgendein Tier sein. Ich werde langsamer, halte schließlich ganz an und höre hin. Ich höre das Rascheln der Blätter im Baum. Ich höre das Fallen der Buchecker. Dann das Singen der Vögel. Irgendwann höre ich sogar die Unterschiede in den Vogelrufen. Und langsam fällt es mir wieder ein: Eigentlich wollte ich in den Wald, um in der Natur zu sein und nicht um gegen die Uhr zu fahren. Der Wald ist voller Leben, die Luft voller Musik.

Ein Treffen in der Kirche. Ich sitze mit den Teenies vom Gemeinde-Unterricht in einer Runde. Wir behandeln das Thema „Schöpfung“. Um das Gespräch anzuregen und die Kreativität herauszufordern habe ich die Frage in die Runde geworfen: „Was würdet ihr an der Schöpfung verbessern?“. Als tief gläubiger Mensch habe ich eigentlich ein bisschen Angst, Gott Verbesserungsvorschläge zu machen. Aber ich will die Frage ja nur didaktisch nutzen und hoffe, dass die Teilnehmer am Ende zum Schluss kommen, dass es an der Schöpfung nichts zu verbessern gibt; wir eigentlich mehr aufpassen müssen, dass wir sie nicht kaputt machen. Die gute Schöpfung bewahren, und so weiter. Dann meldet sich ein Mädchen: „Warum gibt es so viele Mücken, die Blut saugen? Wenn sie schon stechen müssen – warum können sie nicht lieber Fett saugen?“ Ich glaube immer noch, dass die Schöpfung gut ist. Aber diesen kleinen Verbesserungsvorschlag an den Schöpfer trage seither mit mir.

Die Welt ist voll kreativer Menschen mit ausgefallenen Ideen. Vielleicht sind einige etwas praktikabler als andere. Vielleicht gibt es darunter auch welche, die uns helfen, Lebensräume zu schützen, Kriege zu beenden, das Miteinander lebenswerter zu gestalten.

„Die Erde ist voll von deinen Geschöpfen, Gott.“ Das Licht des Tages, die Sterne in der Nacht, der Gesang der Vögel, das Grün der Blätter – und ich, und du, und alle anderen Menschen – wir gehören dazu! Gott, der Schöpfer, hat uns alle geschaffen. Möge er uns helfen, so zu leben, dass wir uns an der Schöpfung freuen können und er selbst sich an uns.

Heinrich Esau

Euer Vater im Himmel weiß doch genau, dass ihr dies alles braucht. Setzt euch zuerst für Gottes Reich ein und dafür, dass sein Wille geschieht. Dann wird er euch mit allem anderen versorgen. Deshalb sorgt euch nicht um morgen – der nächste Tag wird für sich selber sorgen! Es ist doch genug, wenn jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten mit sich bringt.

Matthäus 6, 33-34

In unserer Zeit nehmen die täglichen Sorgen immer mehr zu und bestimmen einen großen Anteil unseres Alltags. Durch das ständige „Sorgen-machen“ verlieren wir das bewusste Wahrnehmen der Gegenwart. Wir Erwachsenen beschäftigen uns viel mit dem, was vielleicht werden kann und vernachlässigen damit das Jetzt und Hier. Diese Sorgen nehmen auch unsere Kinder wahr.

Nach mehr als zwei Jahren Corona-Pandemie und sechs Monaten des Krieges in der Ukraine stellt sich die Frage, wie die jungen Menschen in Deutschland mit den aktuellen Herausforderungen dieser Welt umgehen. In einer Jugendbefragung „Einstellungen und Sorgen der jungen Generation Deutschlands“ des Meinungsforschungsinstituts IPSOS im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigt sich, dass Krieg und Klimawandel zu den größten Ängsten der Kinder und Jugendlichen gehören. Über Corona hingegen machen sich die Jugendlichen aktuell weniger große Sorgen. Umso wichtiger ist es, dass wir den Umgang mit Sorgen lernen. Die aktuelle Grundstimmung unter den Kindern und Jugendlichen mag angesichts der Vielzahl bedrohlicher Krisen nicht verwundern, muss aber alarmieren.

Viele Kinder und Jugendliche haben während der Corona-Zeit wenig Inspiration von Außen bekommen, und es fehlten ihnen Entwicklungs- und Teilhabemöglichkeiten. Zugleich haben die jungen Menschen Ängste, die wir ernst nehmen müssen. Gerade in turbulenten Zeiten ist es notwendig, vielen jungen Menschen ein sinnstiftendes und erfülltes Leben zu ermöglichen. Dies gelingt nur, wenn wir auf die Kinder und Jugendlichen hören und sie mit ihren Ängsten und Wünschen ernst nehmen. Den Umgang mit Sorgen und Ängsten müssen wir damit alle lernen. Deshalb ist es wichtig, gerade mit Kindern und Jugendlichen darüber zu sprechen, ihnen zuzuhören, sie ernst zu nehmen und ihnen die Zeit zugeben, um den Stellenwert der Sorge richtig einordnen zu können. Dies ist nicht selbstverständlich und fällt uns Erwachsenen nicht immer leicht und fordert uns ebenfalls heraus.

Jesus sagt seinen Jüngern zum Thema „Sorgen“ in Matthäus 6, 25:Macht euch keine Sorgen um euren Lebensunterhalt, um Essen, Trinken und Kleidung.“ Die Aufforderung, sich nicht zu sorgen, wiederholt Jesus in zehn Versen noch zweimal. Jesus spricht sich damit ganz klar gegen Sorgen aus. Aber wieso? Essen und Trinken sind schließlich lebensnotwendig: Ist es dann nicht berechtigt, sich darum zu sorgen? Doch Jesus sagt seinen Jüngern nicht: „Ihr dürft euch sorgen, aber nur um lebensnotwendige Dinge.“ Er sagt: „Sorgt euch nicht mal um lebensnotwendige Dinge.“

Doch warum dieses Sorgen-Verbot? Zum Einen macht Jesus deutlich: Sorgen bringt nichts! Er sagt klipp und klar in Matthäus 6, 27:Und wenn ihr euch noch so viel sorgt, könnt ihr doch euer Leben um keinen Augenblick verlängern.“ Die Sorge darüber, ob ich meinen Arbeitsplatz behalte, die Prüfung schaffe oder diesen Monat mit dem Geld über die Runden komme, löst mein Problem nicht! Ich verliere nur Lebenszeit damit. Zeit, die ich anders besser und sinnvoller nutzen könnte. Zum Anderen will Jesus unseren Blick mit seinen Worten geraderücken, denn die Frage des Sorgens ist auch eine Frage des Vertrauens. So verspricht Jesus in Matthäus 6, 32 zu seinen Jüngern:Euer Vater im Himmel weiß doch genau, dass ihr dies alles braucht.“ Jesus wertet also die Dinge, um die wir uns Sorgen machen, nicht ab. Er sagt aber: „Das sind doch nicht deine Sorgen. Lass Gott dafür sorgen!“ Die Worte Jesu machen uns Mut, dass wir uns einsetzen gegen unsere Sorgen, dass wir uns nicht erdrücken lassen.

Weiterhin fordert Jesus uns in Matthäus 6, 33 auf, nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit zu suchen, danach zu trachten, noch bevor wir uns um Lösungen und Auswege unserer Probleme sorgen. Damit sagt Jesus uns: „Ihr seid zu etwas viel Größerem fähig, als euch nur um Konsum und Kommerz Sorgen zu machen, um privates Glück und die Unversehrtheit des Eigenen.“ Jesus wollte nicht, dass wir uns im Alltäglichen verlieren und verschließen. So übermächtig das immer wieder werden kann, ihm ging es darum, dass wir das Große, den Rahmen unseres Lebens, die Weite der Schöpfung in unser Gefühl und Bewusstsein einbeziehen.

Unser Streben nach dem Reich Gottes ist nichts Abstraktes oder Jenseitiges, sondern es ist unsere Aufgabe, es als Wirklichkeit schon jetzt erfahrbar zu machen. Es bricht dort in unser Leben hinein, wo wir Gottes Gerechtigkeit Realität werden lassen in der Überführung der Sorge in Fürsorge. Das bedeutet nicht, blauäugig durch unser Leben zu laufen, Scheuklappen aufzusetzen und Sorgen der Realität zu verdrängen. Im Gegenteil: Die Sorgen sind da, an jedem Tag. Aber Vertrauen in Gottes Fürsorge zu haben, hilft uns, mit unseren gegenwärtigen Sorgen gelassener umzugehen.

Damit hat Gott in uns die Fähigkeit hineingelegt, uns für sein Reich und seine Gerechtigkeit zu interessieren und einzusetzen. Er traut es uns zu, aus der Spirale des ewigen „Sich-Sorgen“ auszubrechen und diese Energie, die wir sonst in schlechte Gedanken, in Herzklopfen und Aufregung, in Tränen und Stirnrunzeln legen, umzusetzen in Liebe, Zuwendung und Fürsorge. Uns dem Hier und Jetzt zu widmen, inne zu halten, einander wahrzunehmen und uns gegenseitig in den Höhen und Tiefen des Alltags zu unterstützen. Unsere Sorgen in die Hände unseres Vaters zu legen, darf uns Mut und Hoffnung geben und uns sorglos nach vorne blicken lassen. Denn der Herr gibt uns in der Bibel die Zusagen, dass er uns in allem beistehen wird. Darauf dürfen wir vertrauen!

Alex Janzen

In Australien ist unter den Aborigines neben vielen anderen auch eine Sprache namens Kuuk Thaayorre (ich weiß auch nicht, wie man das ausspricht) verbreitet, die sich durch die interessante Besonderheit kennzeichnet, dass sie keine Wörter für das kennt, was wir als „rechts“ und „links“ bezeichnen. Stattdessen benutzen sie die Himmelsrichtungen, um zu erklären, wo sich der Gegenstand befindet, von dem die Rede ist („Setz dich, der Platz südwestlich von mir ist noch frei“). Für Muttersprachler ist es daher eine Selbstverständlichkeit, sich auch in ihrem Alltag jederzeit anhand der Himmelsrichtungen orientieren zu können.

Springen wir mal etwas gen Westen in das Land Namibia und betrachten als zweites Beispiel die Himba, eine Volksgruppe, die zwar keine unterschiedlichen Wörter für die Farben Grün und Blau haben, sehr wohl aber eine Vielzahl von Begriffen für die verschiedenen Schattierungen und Töne jener Farben. Die Himba haben dementsprechend große Schwierigkeiten damit, Blau und Grün voneinander zu unterscheiden, erkennen leichte Abweichungen innerhalb dieser Farben aber deutlich besser als wir Europäerinnen und Europäer. Besonders spannend: Die Kinder der Himba sehen diese Farben noch so wie wir auch, erst im Laufe des Erwachsenwerdens verlieren sie diese Fähigkeit. Ein deutlicher Hinweis darauf, wie die Sprache die Wahrnehmung der Welt beeinflusst.

Ich würde darüber hinaus aber auch vermuten, dass die verschiedenen Lebensrealitäten und Erfahrungen umgekehrt ebenso die Entstehung und Entwicklung von Sprachen entscheidend prägen. So oder so denke ich, dass andere Sprachen nicht nur andere Vokabeln oder eine andere Grammatik bedeuten, sondern nicht zuletzt auch andere Umweltwahrnehmungen, Weltanschauungen und Perspektiven auf das Leben und die Bedeutung des Menschseins.

Mit meiner doch etwas längeren Einleitung möchte ich eine Perspektive auf das Pfingstwunder aufzeigen, die mir persönlich wichtig ist. Zur Erinnerung: Es geht um eine Geschichte, die sich zeitlich nach der Auferweckung Jesu abspielt. Die Jünger sind in Jerusalem versammelt, als sie unerwartet vom Heiligen Geist bewegt und erfüllt werden und daraufhin zu den Menschenmengen treten und in den verschiedensten Sprachen von ihren Erlebnissen mit Gott reden, sodass sie von allen in ihrer jeweiligen Muttersprache verstanden werden.

Man könnte jetzt meinen, dass es in dieser Geschichte darum geht, dass die Sprachenvielfalt der Menschen aus Sicht Gottes eine Barriere für die Verkündigung des Evangeliums darstellt und dass die Entsendung des Heiligen Geistes sowie die Befähigung, andere Sprachen zu beherrschen, ein reines Mittel zum Zweck ist. Doch ich denke, dieses Wunder hat auch eine immense symbolische Bedeutung. Dieses Wunder würde einen ganz anderen Eindruck machen, wenn es stattdessen so abgelaufen wäre, dass der Heilige Geist alle anderen Menschen um die Jünger herum dazu befähigt hätte, von jetzt auf gleich hebräisch verstehen zu können. Der Effekt, dass alle die Inhalte verstanden hätten, die sie von den Jüngern hörten, wäre derselbe geblieben, doch in dieser Version würde das Hebräische als die Sprache des Evangeliums dargestellt werden, was bedeuten würde, dass das Verstehen der Guten Nachricht an eine bestimmte Sprache – weiter gefasst vielleicht auch an eine bestimmte Kultur, die man annehmen muss – geknüpft ist.

In der Apostelgeschichte hingegen wird beschrieben, wie sich die Jünger in ihrem Auftreten an ihr Publikum ausrichten, nicht umgekehrt. Und weiter noch, die Menschen, von denen sie gehört werden, nehmen anfangs viel stärker wahr, dass sie überhaupt in ihren Muttersprachen reden, und erst danach, was sie da erzählen.

Es geht nicht nur um eine bloße Vermittlung von Wissen, von Informationen. Das bloße Reden in anderen Sprachen ist bereits ein Anstoß für Verwirrung, Empörung, aber zugleich vielleicht auch für Dankbarkeit und das Gefühl, in seiner Andersartigkeit wertgeschätzt zu werden. Ich persönlich habe vor allem in meinem Auslandsjahr in Malawi die Erfahrung gemacht, wie erfreut andere Menschen sein können, wenn man sich als Fremder auf ihre Sprache einlässt und dass es in solchen Momenten oft nicht einmal darum geht, was man in dieser Sprache überhaupt sagen will.

Das europäische Christentum hat sich in der weiterführenden Geschichte allerdings leider zu oft so aufgeführt, als würden sie die Geschichte des Pfingstwunders nicht kennen. So bestand eine der Provokationen Luthers gegenüber der katholischen Kirche in der Übersetzung der Bibel vom theologischen Latein ins Deutsche, wodurch weniger gebildete Menschen einen „unkontrollierten“ Zugang zu ihr fanden. Doch auch evangelische Glaubensrichtungen machten ähnliche Fehler, wenn sie zum Beispiel zur Zeit des Kolonialismus nicht nur die christliche Botschaft in andere Länder bringen wollten, sondern daran geknüpft auch die jeweilige Sprache und Lebensweise der Kolonialmacht.

Das alles mag mit einer Angst zusammenhängen, die heute wohl immer noch präsent ist. Die Angst, dass sich das Evangelium zu stark verändern würde, wenn man es ungeschützt mit der Vielfalt von Sprachen und damit einhergehenden Weltanschauungen, Kulturen und Lebensrealitäten verschmelzen lässt. Und ja, daran stimmt zumindest, dass sich die Lesart der Bibel mit jeder Übersetzung ändert, dass die Traditionen in anderen Kulturräumen nicht mehr dieselben sind, dass sich der Glaube mit neuen Lebenserfahrungen entwickelt.

Gleichzeitig glaube ich aber auch daran, dass all das den Kern des Evangeliums niemals umkehren kann und dass wir als Gläubige die Verantwortung haben, uns an der frohen Botschaft festzuhalten und nicht, sie zu beschützen. Ich vertraue in meinem Glauben darauf, dass das Evangelium Gottes so anpassungsfähig wie unzerstörbar, so vielfältig wie wahr und so unverrückbar wie weich ist – ganz gleich dem Wasser, das als Fluss seinen Lauf an seine Umgebung anpasst und dabei sein Wesen und seine Gesetzmäßigkeit niemals verliert.

Marvin Esau