Reich Gottes erleben

Die Botschaft vom Reich Gottes gehörte zum Zentrum der Verkündigung von Jesus. Reich Gottes – das ist die Herrschaft Gottes im Leben einzelner Menschen, aber auch im ganzen Universum. Die Hoffnung, dass dieses Reich Gottes, in dem Gerechtigkeit herrscht, das Böse überwunden ist, der Mensch dem Menschen Freund und Bruder ist, kommen wird – das gehört zum Kern der christlichen Hoffnung.

Dieses Reich Gottes ist aber auch jetzt schon im Kommen. So sagt Jesus es den Menschen, die danach fragen, wo es denn zu entdecken wäre: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch!“. Es ist schon da, aber noch nicht ganz. Und wenn wir uns die Frage stellen, wie wir die Herrschaft Gottes jetzt schon erleben können, gilt es, diese Spannung zwischen „Schon jetzt“ und „Noch nicht“ aufrechtzuerhalten.

Was kann ich tun, um das, wovon Jesus da spricht, heute schon erleben? Ich will dazu eine Anregung geben, die man auf die einfache Formel „sehen, vertrauen, machen“ bringen könnte.

Die zarten Pflanzen des Guten sehen

Was wir sehen, bestimmt, was wir denken. Wer nur Negatives sieht, wird negatives denken. Wer auf das Schöne sieht, wird Schönheit denken. Wer auf Gutes schaut, kann dankbarer sein. In Joh 9 wird eine Geschichte erzählt, wie Jesus einen Mann geheilt hat, der blind geboren war. An ihm entzündet sich eine unheilvolle Diskussion, wer Schuld war an seinem Zustand und ob dieser Jesus, der ihm geholfen hat, wirklich von Gott war. In dieser Geschichte offenbart der Blindgeborene eine Sehkraft, die es in sich hat und mich immer wieder herausfordert und neu begeistert. Seine Einstellung kurzgefasst: „Gutes kommt von Gott.  Jesus hat mir Gutes getan. Jesus kommt von Gott.“

Ich lerne immer mehr, das Gute, das mir begegnet, Gott zuzuschreiben. Ganz naiv. Ich stelle immer weniger die Frage „Sieht es nur gut aus? Stecken hinter dem Guten ganz andere Motive?“. Ich will lernen zu sehen, dass Gott überall Gutes in dieser Welt bewirkt. Dass er seine Vision von einem neuen Reich nicht nur verkündet, sondern auch stetig verwirklicht.

Dem Blindgeborenen verhalf diese Sicht der Dinge zum Vertrauen an Jesus, den er vorher nicht kannte. Damit sind wir beim zweiten Aspekt.

Auf die Kraft des Reiches Gottes vertrauen

Jesus selbst wirbt in einigen Gleichnissen dafür, sich nicht von Kraft- und Machtdemonstrationen unserer Welt beeindrucken zu lassen. Naturgemäß sind wir beeindruckbar durch körperliche Kraft, militärische Macht, großen Mehrheiten. Wir sind empfänglich für starke Persönlichkeiten, Strahlkraft, Charisma. Jesus lädt aber ein, auf Anderes zu vertrauen: wie ein Senfkorn, unscheinbar, klein und schwach, erscheint das Reich Gottes. Aber es wächst zu einem großen Strauch heran.

Wie der Sauerteigansatz, ganz banal und uninteressant kann Manches wirken, was ein Mensch aus dem Vertrauen zu Gott tut. Aber wenn es von Gott kommt ist es unaufhaltsam und kann eine beliebige Masse durchsäuern.

In Alltagserfahrungen ausgedrückt kann es heißen, dass z. B. ein Mensch, der Vergebung übt, nachhaltiger handelt als einer, der einen Krieg auslöst. Dieses Vertrauen ist alles andere als intuitiv, es ist eine Herausforderung. Aber dieses Vertrauen ist auch eine große Ressource, aus der Handeln entstehen kann.

So leben, als wäre das Reich Gottes jetzt schon wahr

Vor einigen Jahren war ich beruflich in China und lernte dort einen jungen Chinesen kennen, mit dem ich zusammengearbeitet habe. Er hatte in Deutschland studiert und sprach gut deutsch. Eines Tages bot er mir an, mich nach der Arbeit ins Hotel zu fahren, wohin ich sonst immer mit dem Taxi fuhr. Bei der Fahrt war ich ganz erstaunt, dass er einen ganz anderen Fahrstil hatte, als ich das von den Chinesen kannte. Er hielt sich an die Geschwindigkeitsvorgaben, hielt an roten Ampeln, beachtete das Rechtsfahrgebot. Und vor allem: er ließ die Hupe in Ruhe.

Um uns herum wuselte der hektische Großstadtverkehr, die Fahrer der anderen Autos waren merklich genervt – auch von meinem Chauffeur –, aber der ließ sich nichts anmerken. Er fuhr gelassen und souverän weiter und unterhielt sich mit mir über andere Themen.

Irgendwann fragte ich ihn, warum er so ganz anders fährt und sich nicht diesem Treiben um ihn herum anpasst. Er antwortete nur ganz trocken: „Ich habe meinen Führerschein in Deutschland gemacht und so fahre ich auch.“

So könnte man das vielleicht angehen! Wenn wir Gottes Güte in dieser Welt sehen und auf die Kraft seines Wirkens in unserem Leben vertrauen, machen wir unseren „Lebensführerschein“ schon in Gottes neuer Welt. Dann können wir vielleicht auch lernen, ganz unbeeindruckt von dem Treiben um uns herum schon heute nach den neuen Gesetzen und Richtlinien zu leben, als die Welt um uns herum uns diktiert. Vielleicht wäre es möglich, mitten in dem Gehupe „Nur die Harten kommen in den Garten“, „Nur Leistung zählt“, „Wie du mir, so ich dir“, „Wer Geld hat, hat Macht“ usw. ganz souverän und gelassen eine eigene Lebensspur zu befahren und andere Akzente zu setzen.

Und ganz sicher wird man auf diesem Weg ganz hautnah erfahren und erleben können, was Reich Gottes im hier und jetzt bedeuten kann.

H. Esau