Von Jesus lernen lernen

Was die Person Jesus für uns Christinnen und Christen in seinem Wirken unter uns Menschen so bedeutend macht, ist nicht zuletzt die Tatsache, dass er die Gute Nachricht nicht nur gepredigt, sondern auch radikal gelebt und in seinen Taten verwirklicht hat. Wir glauben an einen liebevollen Heiland in Wort und Tat. Dennoch ist durch Geschichten, laut denen Jesus Geschäftstüchtige aus dem Tempel vertreibt oder seine Familie (darunter auch seine Mutter) zurückweist und stattdessen seine Jünger als Familie bezeichnet, erkennbar, dass Jesu Liebe ihn nicht unbedingt Scheu vor Konfrontationen und Unhöflichkeiten macht. Dass von ihm eine Leidenschaft ausging, die ihn manches Mal dazu brachte, andere vor den Kopf zu stoßen, empfinde ich immer als sehr inspirierend, da diese Geschichten mich dazu anregen, Jesus auch von neuen Perspektiven sehen und verstehen zu wollen.

Und doch gibt es die eine Stelle in Matthäus 15, 21-28, die für mich besonders herausfordernd ist und mein Jesusbild manchmal stärker verzerrt. Es geht um das eine Mal, als Jesus mit seiner Gefolgschaft auf Reisen war, von einer kanaanitischen Frau angesprochen wird, die um seine Hilfe für ihre notleidende Tochter fleht. Jesus gibt keine Antwort. Seine Jünger schalten sich ein und wollen von ihm, dass er ihre Bitte erfüllt und sie damit los wird. Oberflächlich gesehen scheinen sie sich auf die Seite der Kanaaniterin zu schlagen, doch dahinter wird deutlich, dass es ihnen nicht um die Notlage dieser Frau geht, sondern um die eigene Unannehmlichkeit, von ihrem Hilfesuchen belagert zu werden.

Die kanaanitische Frau muss sich vor Jesus erst zu Boden werfen, bis dieser schließlich das Wort an sie richtet und sagt „Es ist nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden zu geben.“ Jesus redet gerne in Gleichnissen und sicherlich sollte man dabei bedenken, dass es diese Art der Vergleiche grundsätzlich etwas verallge­meinernd sind und man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen sollte – aber diese Frau mit Hunden zu vergleichen? Weil sie nicht zu der Gruppe von Menschen gehört, für die Jesus gekommen zu sein scheint? Es fühlt sich für mich merkwürdig an, diese Worte zu lesen und dabei zu wissen, dass sie Jesus zugeschrieben werden. Andererseits denke ich aber auch, dass Jesus gegenüber den Jüngern zumindest den Vorteil hat, dass er diese Frau nicht mit einem halbherzigen Entgegenkommen abzuwinken versucht, sondern durch seine direkte Abfuhr eine ernsthafte Auseinandersetzung zwischen den beiden ermöglicht. Die Kanaaniterin nutzt die Gelegenheit. So herabsetzend dieser Vergleich wirken mag, sie bleibt in dieser Art zu denken, und argumentiert, dass doch auch die Hunde noch die Reste der Mahlzeit bekommen würden. Ein intelligenter Einwand – gerade, wenn man sich vor Augen führt, in welcher emotional aufwühlenden Situation sie sich gerade befinden muss. – Und es funktioniert! Jesus lässt sich von ihr überzeugen und heilt ihre Tochter. Er ändert seine Meinung. Er lernt dazu. Und genau dieser Punkt ist es, der diese Geschichte für mich so wertvoll macht.

Es gibt einige Stellen, in denen Jesus für mich irritierend anders ist, und das stört mich nicht. Ich denke, es hält den eigenen Glauben lebendig und dynamisch, wenn man sich nicht der Illu­sion hingibt, Jesus bereits verstanden zu haben, sondern man stattdessen die Puzzleteile kennt, die noch nicht wirklich in das Gottes- und Jesusbild passen, welches man sich bisher erarbeitet hat. Hieraus ergibt sich die Gelegenheit, nicht abzuschließen, sondern offen für neue Gedanken, Anregungen und Erfahrungen zu werden, die den eigenen Glauben noch prägen werden. Doch aus irgendeinem Grund empfinde ich die Vorstellung, dass Jesus einen rhetorischen Schlagabtausch verliert und von einem anderen Menschen dazulernt, manchmal als ein besonders merkwürdiges Puzzleteil, das irgendwie aus einem anderen Puzzleset zu stammen scheint.

Beißt sich das mit der Vorstellung von einem Gott, der in allen Zeiten derselbe war, ist und sein wird? Macht es Jesus weniger vollkommen? Passt es zu ihm als Messias und Sohn Gottes, dass er von einem anderen Menschen eines Besseren belehrt wird? Oder steckt hinter all diesen Fragen nicht auch eine sehr defizitbezogene Vorstellung vom Ändern der eigenen Einstellung? Als würde der Umstand, dass man vorher noch nicht die richtige Meinung vertreten hat, schwerer wiegen als das In-Beziehung-treten, der Respekt für das Gegenüber und die Fähigkeit zur Selbstreflexion, was dafür notwendig ist, dass man Ansichten, die man vertritt, auch in neuen Erfahrungen und Gesprächen anpassen und verändern kann.

Ich glaube daran, dass Jesus, so souverän und verlässlich wie er ist, sich in Kontakt mit uns auch überraschen, erstaunen und begeistern lässt und es gibt einige Geschichten in der Bibel, in denen das auch angedeutet wird. Wenn sich Jesus also im Kontakt zu anderen Menschen emotional auf sie einlässt und bereit ist, sein Verhalten an ihres anzupassen und auf das einzugehen, was sie zu sagen haben – ist es dann noch so weit entfernt zu denken, dass er auch für ihre Ansichten, Argumente und Anregungen offen ist? Mit diesem Blick auf Jesus ist es möglich, nicht nur das Lieben und das Leben, sondern auch das Lernen von ihm zu lernen.

M. Esau