Der Jesus im Alten Testament

Mit dem Näherkommen der Weihnachtszeit wandern unsere Blicke wieder zunehmend auf die Geburt Jesu in Bethlehem – und damit auch auf eine Geschichte, die das spätere Wirken und Wesen dieses Jesus symbolisieren soll. Ein Mensch, dessen Kommen zwar vorhergesagt war, der aber dennoch mit seiner Art unerwartet erscheint und einen Bruch mit verschiedensten Erwartungen verkörpert. Anstatt eines Palastes wird er in einem Stall geboren. Anstatt der bürgerlichen Mitte oder Elite lädt er die Hirten aus der Unterschicht zu sich ein. Und anstatt Ungerechtigkeiten wie zum Beispiel die römische Besatzung zu beenden, wird er schließlich die Ungerechtigkeiten der Welt unter Schmerzen ertragen. Mit all diesen Unterschieden zwischen Jesus und so manchen ruhmvollen Persönlichkeiten aus der Bibel wäre auch ein thematischer Umbruch zu erklären, der im Übergang vom Alten ins Neue Testament oftmals verspürt wird. Dabei ist der Gott des Alten Testaments einer, der wie die anderen antiken Götter auch die Opfer der Menschen benötigt, um ihre Schuld vergeben zu können, während der Gott des Neuen Testaments durch Jesus endlich auch Gnade nutzen kann, um mit seinen Menschen in Beziehung zu treten. Jesu Erscheinen wird dann im Alten Testament vorhergesagt und es gibt einige Anzeichen wie die Jungfrauengeburt in Jesaja 7,14 oder auch die Abstammung von der Blutlinie König Davids in 2.Samuel 7,14-16, anhand derer Jesu Authentizität als Messias im Nachgang noch bekräftigt werden kann. Doch stattdessen möchte ich gerne eine Perspektive aufzeigen, aus der heraus die Entwicklung der messianischen Theologie bis ins Neue Testament hinein etwas flüssiger erscheint.

Der Begriff Messias, der wörtlich übersetzt so etwas wie „Der (von Gott) Gesalbte“ bedeutet, war zunächst ein Titel, der Königen wie David oder Saul zustand und vermittelte, dass sie von Gott eingesetzt wurden, um sein Volk zu leiten. In kommenden Krisenzeiten wie beispielsweise dem babylonischen Exil änderte sich die Messiasvorstellung in die Erwartung eines zukünftigen Retters, der die Israeliten aus ihrer Not befreien würde. Hieran wird auch schon ersichtlich, dass messianische Texte nicht nur etwas über die Zukunft aussagten, sondern und vielleicht auch vor allem etwas über die gegenwärtigen Verhältnisse ihrer Entstehung. Doch auch hier war die Vorstellung, die über den Messias zum Ausdruck kam, von geopolitischen Umwälzungen und historischen Befreiungen geprägt. Wenn der Messias kommen sollte, sollten das die Feinde der Hebräer zuerst mitbekommen. Eine leicht nachvollziehbare Hoffnung für ein Volk, welches beizeiten der Unterdrückung durch stärkere Nachbarn ausgesetzt gewesen ist. Aber es geht noch weiter und die Vorstellung eines Messias, der nicht durch offensichtliche Stärke und Übermacht, sondern – viel unscheinbarer – durch das Erdulden von Leid und Demütigung besticht, entwickelt sich nicht erst im Neuen Testament, sondern bereits in alttestamentlichen Texten wie zum Beispiel dem 53. Kapitel im Buch Jesaja.

Hier ist die Rede von einer Figur, die weder Schönheit noch Anmut als adlige Attribute vorwies, die von allen Menschen gemieden, verachtet oder auch misshandelt wurde, die Krankheiten, Abweisungen und Verletzungen klaglos erlitt. Und die durch all das als Sinnbild für die offenbarte Macht Gottes präsentiert wird. Besonders im Hinblick auf vorherige Kapitel aus diesem Buch, in dem das Leiden und die Gefahrenaussetzung der Hebräer als Strafe Gottes und als seine Abkehr von seinem Volk gedeutet wird, kommt hier eine ganz andere Betrachtungsweise zum Vorschein. Eine, in der das Leiden nicht als elendig und schambehaftet, sondern als ehrenvoller und rühmlicher Ausdruck von innerer Stärke und Zugewandtheit verstanden wird. In einer Zeit, in der die Hoffnungen der Menschen auf baldige Erlösung von Unterdrückung nicht mehr weiter hinausgezögert werden können, brauchen sie einen Gott, der nicht in der zukünftigen Befreiung, sondern in der jetzigen Not erfahrbar wird.

Es ist ein Text, der aufzeigt, dass Jesus mit seinem Wesen nicht erst im Neuen Testament auftritt. Dass er im Alten Testament nicht bloß vorhergesagt, sondern greifbar gemacht wird. Ich denke nicht, dass es notleidenden Menschen einige Jahrhunderte vor Christus wirklich geholfen hätte, hätten sie mehr vom historischen Jesus erfahren – in dem Wissen, dass er ohnehin erst weit außerhalb ihrer Lebenszeit erscheinen wird. Doch das, was er bedeutet, und der Geist, der ihn umgibt, haben eine essenzielle Bedeutung auch für diejenigen, die lange vor seiner Geburt gelebt haben und die Jesus nicht anhand seines Wirkens als Mensch erfasst haben würden.

Die messianischen Texte im Alten Testament sollen nicht einfach nur im Nachgang für uns in der nachchristlichen Zeit Sinn ergeben. Es sind schließlich Texte, die von Menschen verfasst wurden, die den menschlichen Jesus nicht mehr kennenlernen würden. Texte, die offenbar so wertvoll für ihre Leserinnen und Leser waren, dass sie ihren Weg in die Bibel gefunden haben. Solche Texte sind nicht nur für uns da, sondern auch für ihre damaligen Zeitgenossen. Für Menschen, die nicht nur auf bessere Zeiten vertröstet, sondern in ihrem Leid getröstet werden wollten. Und wenn wir uns auf diese Perspektive einlassen, so glaube ich, dass die prophetischen Texte im Alten Testament nicht nur Listen sind, deren Punkte nach und nach abgehakt werden können, sondern Zugänge zum zugewandten Gott, deren Bedeutung vom Zeitpunkt der Niederschreibung an Bestand hat.

Marvin Esau