Von Wegen

Unsere Region kann mit vielen schönen Rad- und Wanderwegen glänzen. Die Beschränkungen der letzten Zeit haben mich das wieder ganz neu entdecken lassen. Meistens bin ich mit dem Rad unterwegs und genieße die Vielfalt der verschiedenen Strecken. Mal eine längere, entspannte Tour an der Weser, mal etwas anspruchsvoller durch den Solling. Mal ein steiler Anstieg auf einen der Berge, mal eine längere Abfahrt. Mal durch den Wald, mal durch die Felder der Hochebenen. Mal im Winter durch den Schnee, mal im Regen, mal in der Sonne. Jetzt, im Herbst, sind die Waldwege besonders schön und laden zu längeren Spaziergängen ein.

Die große Bandbreite der verschiedenen Wege haben Menschen immer wieder mit ihren Lebenswegen in Verbindung gebracht. Auch in der Bibel wird oft das Bild des Weges verwendet. Als es für die ersten Christen noch keine Konfessionen gab und noch nicht einmal die Bezeichnung „Christ“ erfunden war, wurden sie „Menschen des Weges“ genannt, wie es in der Apostelgeschichte heißt. Sie waren noch nicht angekommen, noch nicht am Ziel. Sie waren keine Menschen des Standpunkts. Sie waren unterwegs und das hat man ihnen wohl angesehen.

Dieses Unterwegssein hat bis heute nicht aufgehört und unsere Wanderwege erinnern mich daran. Da gibt es die Wege, die ich aus Spaß an der Freude erkunde. Bei diesen Wegen ist das Ziel nebensächlich und manchmal völlig unbekannt. Das ist so, wenn ich z. B. ein Buch lese, mich auf bislang unbekannte Gedanken bringen lasse, wenn ich neue Menschen kennenlerne. Diese Wege fühlen sich wie Urlaub an.

Da gibt es Wege, die ich gehen muss. Wo das Ziel gewissermaßen klar ist, ich aber die Strecke und die Geschwindigkeit selber bestimmen kann. Für welchen Beruf ich mich entscheide, wie schnell ich die Schule oder das Studium absolviere. Wie, wann und wo (oder ob überhaupt) ich eine Familie gründe. Wo und wie ich mich in der Gemeinde engagiere. Diese Wege können manchmal anstrengend sein.

Da gibt es aber auch Wege im Leben, die ich nicht vermeiden kann. Die muss ich dann gehen, ob es mir schmeckt oder nicht. Die beschwerlichen Wege durch die Pandemie, Zeiten der Krankheit, des Abschieds, der Beziehungskrisen. Auf diesen Wegen kann jeder Schritt weh tun.

Der Psalm 23 fasst diese Vielfalt in wenigen Worten gut zusammen: „Der HERR ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er weidet mich auf saftigen Wiesen und führt mich zu frischen Quellen. Er gibt mir neue Kraft. Auch wenn es durch dunkle Täler geht, fürchte ich kein Unglück, denn du, HERR, bist bei mir. Dein Hirtenstab gibt mir Schutz und Trost.“

Auch wenn ich mir manche Wege nicht aussuchen kann, darf ich als Gottes Schäfchen darauf vertrauen, dass ich keinen Schritt im Leben alleine unternehme. Es gibt Menschen, die an meiner Seite sind. Familie, Freunde, Gemeinde. Und selbst dort, wo ich mich von Menschen verlassen fühle: Mein Hirte ist immer bei mir, auch dort, wo ich ihn nicht sehe. Auch dort, wo ich das Ziel des Weges nicht kenne. Glücklich, wer die Wege des Lebens so erfahren kann, wer die Schönheit der saftigen Wiesen genießen und voller Trost die dunklen Täler durchschreiten kann. Glücklich, wer auf diesen Wegen nicht allein ist, wer Gott und Glaubensgeschwister als Begleiter hat.

Heinrich Esau

xxolaxx auf PixabayMonatsandacht für Dezember 2021