Ein Lichtlein brennt

Advent – das ist eine Zeit der Besinnung. So hieß es bislang immer wieder. Viele Menschen freuten sich, aus dem stressigen Alltag in eine Pause zu fliehen. Nicht nur den bibelfesten und kirchentreuen Christen ging es so, auch so mancher „Weltmensch“ freute sich auf den Advent. Ob es dann auch immer zur Besinnung und Entschleunigung gekommen ist, ist eine andere Frage.

Die aktuelle Adventszeit fühlt sich anders an. In den letzten zwei Jahren haben die meisten wohl genug Entschleunigung und Besinnungszeiten gehabt, auch ganz ohne Advent. Brauchen wir da noch Aufrufe zur Adventsbesinnung? Würden wir nicht viel lieber endlich in geselliger Runde feiern? Gottesdienste mit viel Besuch, Geburtstage, Weihnachtsfeiern? Mir würde langsam auch schon der erste Freitag in der Woche als Anlass für eine Feier reichen. Stattdessen müssen wir uns wohl auf weitere Einschränkungen einstellen.

Wann ist es vorbei?

Ganz am Anfang der Pandemie dachten viele an ein paar Wochen. Dann bis zum Sommer. Dann den Herbst und den Winter überstehen. Dann würde der Impfstoff kommen. Dann kam der Impfstoff, aber es war nicht genug da. Dann war genug Impfstoff da, aber nicht genug Kapazitäten. Dann waren genug Kapazitäten und genug Impfstoff da, aber nicht genug Impfwillige. In der Zwischenzeit kam die dritte und jetzt die vierte Welle. Wann ist es endlich vorbei?

Aber vielleicht liegt in dieser Frage auch eine neue Chance für die Adventszeit?

Die Adventszeit kommt aus der Zeit der frühen Kirche. „Advent“ kommt aus dem Lateinischen und heißt so viel wie „Ankunft“. Inhaltlich ging es in der Zeit des Advents einerseits um die Vorbereitung auf Weihnachten – die Feier der Ankunft des Sohnes Gottes als Mensch auf Erden. Andererseits ging es um die Ausrichtung auf die versprochene Wiederkunft von Jesus, dem Christus. Und diesem Erwarten des Heilands der Welt liegt ebenso die Frage „wann ist es endlich vorbei“ zugrunde.

In dieser doppelten Bedeutung steckt eine Spannung, die nicht aufgelöst werden kann und bis heute bleibt. Es ist die Spannung von „schon jetzt“ und „noch nicht“. Einerseits feiern wir das unumstößliche und nicht mehr verhinderbare Evangelium, dass Christus für die Welt die Erlösung gebracht hat. Andererseits leben wir „auf Hoffnung hin“, wie Paulus es formuliert (Röm 8,24). Die Welt in der wir leben, unser Alltag, unsere Beziehungen sind längst nicht alle erlöst. So vieles liegt noch im Argen –selbst auf unserer Insel der Glückseligen. Ganz zu schweigen von anderen Teilen der Welt, wo Krieg, Ausbeutung, Unterdrückung, Ausgrenzung in ganz anderen Dimensionen stattfinden.

Nicht nur wir als Christen sind in Erwartung des Heils. Paulus führt vorher im 8. Kapitel des Römerbriefs aus, dass „die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt“.

Sehnsuchtspflege

Das Erwarten des Heils für uns, für die Welt und alle Menschen, für die ganze Schöpfung – eines Heils, das wir uns selbst nicht schaffen können – vielleicht ist uns das in den vergangenen Jahren zu sehr aus dem Blickwinkel gerückt? Dass wir jetzt nach zwei Jahren der Einschränkungen das Unheil besser spüren können, könnte auch eine Chance sein. Die Chance, eine Sehnsucht wieder stärker in den Blick zu nehmen, die zu den Grundlagen des christlichen Glaubens gehört. Die Sehnsucht und die Hoffnung nämlich, dass Gott Heil verschaffen will. Dass er es versprochen hat.

Wir sind weder Verlorene noch Vergessene in dieser Krise. Die Pandemie ist eine Krise unter vielen. Sie wird vermutlich vorbei gehen und weitere werden kommen. Aber über dem allen steht das Versprechen Gottes, „einen neuen Himmel und eine neue Erde“ zu schaffen. Gott ist ein Gott der Neuanfänge – gerade dort, wo Menschen nur das Ende sehen.

Diese Hoffnung ist keine einfache Vertröstung auf später. Wir haben auch in der Erwartung genug Möglichkeiten und Gelegenheiten, uns praktisch einzubringen. Auch wenn wir der Welt das Heil nicht bringen können, sind wir in der Lage, heilsam in dieser Welt zu leben und zu handeln. In der Vorfreude auf die neue Welt, die uns versprochen ist, können wir jetzt schon so leben, als wäre sie da. Wenn manchmal auch bruchstückhaft und mit Rückschlägen.

Manchmal ist diese Hoffnung fast von alleine lebendig und bricht sich Bahn. Manchmal ist sie pflegebedürftig. Aber sie ist da. Und sie wird nicht vergehen, sie gehört zur Grundausstattung des christlichen Glaubens.

Ich wünsche uns für diese Adventszeit Geduld, Hoffnung und Vorfreude in der Erwartung dessen, was Gott tun wird. Und ich wünsche uns Lebensmut und Einfallsreichtum für den Ausdruck dieser Hoffnung in unserem Leben, in unseren Beziehungen.

Heinrich Esau

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